Workshop

Kunstgeschichte – Anthropologie – Ethnologie. Disziplinäre Grenzgänge mit und nach Winckelmann

9. Juni 2017
Halle (IZEA, Thomasius-Zimmer) und Weimar (Neues Museum)

Druck-Plakat_Winckelmann-Workshop

Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) war, nach dem Maßstab heutiger disziplinärer Zuordnungen, ebenso Archäologe und Kunsthistoriker wie Ethnologe und Anthropologe. Ethnologe, weil er nicht nur (kunst)historische Zeiträume der Antike taxonomisch erfasste, sondern auch die Völker und Kulturen dieser Epoche – die Ägypter, Etrusker, Griechen und Römer – anhand ihrer künstlerischen Hervorbringungen klassifizierte: Das von ihm entworfene kunsthistorisch-ethnologische Modell, das die Entwicklung eines künstlerischen Stils mit dem Werden eines Volkes verbindet, implizierte dabei immer auch eine zivilisatorische Rangordnung, die beispielsweise die Griechen und Ägypter an den beiden entgegengesetzten Enden einer Skala ansiedelte. Als Anthropologe kann Winckelmann schließlich gelten, weil die ideale Schönheit, die er an den griechischen Statuen bewunderte, bei ihm mit der natürlichen Schönheit des realen griechischen Menschen zusammenfiel, die, so seine Vorstellung, den damaligen Künstlern als Vorbild diente.
Waren die Griechen der Antike so schön wie ihre Skulpturen? Sind die modernen Griechen ihren Vorfahren ebenbürtig? Ist es anderen Völkern möglich, den Griechen gleichzukommen? Winckelmanns Kunstgeschichte warf eine Reihe von strukturell noch heute wichtigen Fragen nach anthropologischer Konstanz bzw. Diversität quer durch historische und geografische Räume auf. Es dauerte nicht lange, bis das von Winckelmann mit Blick auf Kunstwerke formulierte Schönheitsideal auch auf reale Menschen oder Ethnien übertragen wurde. Ab etwa dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts war man in den sich mit dem Menschen befassenden anthropologischen Wissenschaften wie der Medizin, Völkerkunde, Pädagogik, Physiognomik und der Pathognomik zunehmend daran interessiert, die Vielfalt der menschlichen Erscheinungsformen zu erfassen, zu vermessen und mit dem von Winckelmann propagierten Ideal des antiken Menschen abzugleichen.

Vor dem Hintergrund der Jubiläumsausstellung zu Winckelmanns 300. Geburtstag möchte der Workshop die skizzierten Beziehungen zwischen den Bereichen Kunstgeschichte, Anthropologie und Ethnologie einmal genauer betrachten. Gefragt werden soll zum einen, inwiefern Winckelmann in seinen auf den ersten Blick rein kunsthistorisch-ästhetischen Werken an grundlegende Fragen der Anthropologie und Ethnologie des 18. Jahrhunderts anknüpft. Verfolgt werden soll zum anderen aber auch, welchen Einfluss Winckelmann und der sich auf ihn beziehende Klassizismus auf den anthropologischen und ethnologischen Diskurs des 19. und 20. Jahrhunderts ausgeübt haben.

Für den Nachmittag ist ein kuratorengeführter Rundgang durch die Schau geplant.

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Referenten

PD Dr. Robert Leucht (Zürich):
Verzerrte Abbilder – Winckelmanns Ideal des antiken Menschen in der wissenschaftlichen Utopie des 19. Jahrhunderts

Prof. Dr. Éric Michaud (Paris):
Formes des peuples et formes de l’art selon Winckelmann

Dr. Han F. Vermeulen (Halle):
Anthropologie, Archäologie und Ethnologie. Johann Joachim Winckelmann im Kontext der kultur- und naturhistorischen Debatten seiner Zeit

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Organisation: Alexander von Humboldt-Professur für neuzeitliche Schriftkultur und europäischen Wissenstransfer (Prof. Dr. Elisabeth Décultot, Dr. Martin Dönike und Dr. Claudia Keller)

Datum: 9. Juni 2017, 9 Uhr 30 – 12 Uhr

Ort: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA), Franckeplatz 1, Haus 54, 06110 Halle (Saale)

Kontakt: aleksandra.ambrozy@izea.uni-halle.de