Blockseminar von PROF. DR. DENIS THOUARD, PARIS

Hermeneutik im Zeitalter der Kritik

Blockseminar von Prof. Dr. Denis Thouard im Rahmen seiner Gastprofessur an der Universität Halle

Di. 29.05. und Do., 07.06., jeweils von 14-18 Uhr
Germanistisches Institut
Ludwig-Wucherer-Str. 2, R. 1.10

Die Hermeneutik der Aufklärung wurde lange Zeit vernachlässigt. Seit etwa 20 Jahren aber wächst das Interesse an diesem Gegenstand. Der Kurs ist als allgemeine Einführung konzipiert und will speziell Einblicke in die Hermeneutik der Aufklärung geben. Die Hermeneutik bildet sich als Folge der Reformation aus und ist von daher eng mit Fragen der Bibelauslegung verknüpft. Es haben sich aber auch philologische, logische oder juristische Formen der Hermeneutik entwickelt. Charakteristisch für die Aufklärung ist die Formierung einer „allgemeinen“ Hermeneutik.

Im Seminar werden vier Entwicklungsschritte der Hermeneutik thematisiert:

1. Zunächst wollen wir anhand der Clavis Scripturae Sacrae (1567) des Matthias Flacius Illyricus die Konstituierung der Hermeneutik im Kontext der Reformation untersuchen. Wichtig dafür sind: Claritas Scripturae, der Vorrang des Literalsinns, die Einheit des Sinns, Textus interpres sui, der Gegensatz von Gesetz und Evangelium. In dieser ihrer ‚orthodoxen‘ Form ist die Hermeneutik der theologischen Dogmatik untergeordnet.

2. Als philologische Textkritik trug die Hermeneutik zur Historisierung der Überlieferung bei, darunter auch der heiligen Schrift. Bei Hobbes oder Spinoza werden die Prinzipien der konfessionell bestimmten Hermeneutik verallgemeinert und rationalisiert. In diesem Zusammenhang werden wir uns vor allem mit Lockes Interpretation von Paulus beschäftigen, die für die Rolle der Hermeneutik in den philosophisch-politischen Debatten der Frühaufklärung grundlegend ist.

3. Locke und Leibniz haben die Denker der Aufklärung maßgeblich geprägt, vor allem in ihrer Auffassung von der Rolle der Zeichen für die Erkenntnis und Mitteilung. Die Hermeneutik entwickelt sich in diesem Kontext zu einer allgemeinen Erkenntnislehre. Wir wollen dies u.a. an Texten von Crusius und Meier nachvollziehen, um Einsichten in die Struktur der logischen und semiotischen Hermeneutik zu gewinnen.

4. Im Zentrum von Herders, Heynes oder Eichhorns, theologischer Hermeneutik steht die Geschichtlichkeit der biblischen Überlieferung und ihre mythische Deutung. Die moralische Interpretation dagegen, wie sie für Kant bestimmend ist, rechtfertigt die Schrift ausgehend von ihrer Rationalität. Die Debatte zwischen Kant und der Göttinger Schule verdeutlicht exemplarisch den Streit zwischen der apriorischen Logik (de jure) und der historischen Logik (de facto), was wir abschließend im Ausblick auf die Bearbeitung dieser Probleme bei Schleiermacher und Boeckh vertiefen wollen. Neben theologischer und logischer Hermeneutik spielte die juristische Hermeneutik eine wichtige Rolle, die im Rahmen des Workshops am 4.-5. Juli näher behandelt werden wird.

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Texte zur Diskussion
Flacius Illyricus, Matthias, De ratione cognoscendi sacras literas / Über den Erkenntnisgrund der heiligen Schriften, übersetzt von Lutz Geldsetzer, Düsseldorf, Stern-Verlag Janssen & Co, 1968 [auch in H. G. Gadamer / G. Boehm (Hrsg.), Seminar: Philosophische Hermeneutik, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1976, S. 43-52].

Spinoza, Baruch, Tractatus theologico-politicus, Kap. VII, De interpretatione Scripturae, Hrsg. C. Gebhardt, Leipzig, 1908, S. 135-145 [auch in H. G. Gadamer / G. Boehm (Hrsg.), Seminar: Philosophische Hermeneutik, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1976, „Von der Auslegung der Schrift“, S. 53-68].

Locke, John, „An Essay for the Understanding of St Paul’s Epistles by Consulting St Paul him-self”, in Paraphrases and Notes on the Epistles of St Paul (1707), [auch in John Locke, Writings on Religion, hrsg. Victor Nuevo, Oxford, U. Press, 2002, S. 51-66].

Crusius, Christian August, Weg zur Gewißheit und Zuverläßigkeit der menschlichen Erkenntniß, Leipzig, Gleditsch, 1747, Von der Auslegung oder Interpretation [auf google books abrufbar].

Meier, Georg Friedrich, Versuch einer allgemeinen Auslegungskunst (1757), hrsg. A. Bühler, L. Cataldi Madonna, Hamburg, F. Meiner, 1996.
Kant, Immanuel, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, hrsg. B. Stangneth, Hamburg, F. Meiner, 2017.

Eichhorn, J. G (Hrsg.), Allgemeine Bibliothek der biblischen Literatur, 1787-1800, 10 Bde., Leipzig, Weidmann & Reich, darin: Eichhorn, J. G., “Über die kantische Hermeneutik”, VI/1, 1794, S. 51-67.

Schleiermacher, Friedrich, Kritische Gesamtausgabe, II. Abteilung: Vorlesungen Band 4, Vorlesungen zur Hermeneutik und Kritik, hrsg. Wolfgang Virmond unter Mitwirkung von Hermann Patsch, Berlin, Boston 2012 [Allgemeine Hermeneutik S. 73-113].

 

Weiterführende Literatur
Alexander, Werner: Hermeneutica generalis. Zur Konzeption und Entwicklung der all-gemeinen Verstehenslehre im 17. und 18. Jahrhundert. Stuttgart: M & P Verlag für Wissenschaft und Forschung, 1993.

Beetz, Manfred, Giuseppe Cacciatore (Hrsg.), Hermeneutik im Zeitalter der Aufklärung, Köln u.a., Böhlau, 2000.

Bühler, Axel (Hrsg.): Unzeitgemässe Hermeneutik. Verstehen und Interpretation im Denken der Aufklärung. Frankfurt/Main: Klostermann, 1994.

Frank, Günter, St. Meier-Oeser (Hrsg.), Hermeneutik – Methodenlehre – Exegese. Zur Theorie der Interpretation in der frühen Neuzeit, Stuttgart-Bad Cannstatt, Frommann-Holzboog, 2011.

Meyer, Gottlob Wilhelm, Geschichte der Schrifterklärung, 5 Bde., Göttingen, 1802.

Reventlow, H. Graf, W. Sparn & J. Woodbridge (Hrsg.), Historische Kritik und biblischer Kanon in der deutschen Aufklärung, Wiesbaden, Harrassowitz, 1988.

Schönert, Jörg, F. Vollhardt (Hrsg.), Geschichte der Hermeneutik und die Methodik der textinterpretierenden Disziplinen, Berlin/New York: de Gruyter (= Historia Hermeneutica, Series Studia, 1), Berlin, New York, 2005.

Scholz, Oliver Robert: Verstehen und Rationalität. Untersuchungen zu den Grundlagen von Hermeneutik und Sprachphilosophie. Frankfurt/Main: Klostermann, 1999 (= Philosophische Abhandlungen, 76).

Schröder, Jan (Hrsg.), Theorie der Interpretation vom Humanismus bis zur Romantik – Rechtswissenschaft, Philosophie, Theologie, Stuttgart, 2001.

Teilnahmeinformationen
Die im Rahmen der beiden Nachmittagssitzungen (29. Mai und 07. Juni) behandelten Quellentexte werden jeweils vorab als Scans über StudIP zur Verfügung gestellt. Ihre Lektüre im Vorfeld des Seminars wird erwartet. Zu den Voraussetzungen einer erfolgreichen Teilnahme am Seminar gehört auch der Besuch des im Rahmen der Gastprofessur von Prof. Dr. Denis Thouard in Halle organisierten und thematisch verwandten Workshops vom 04.-05. Juli.

Unabhängig von der Modulrelevanz sind interessierte Studenten und (Post-)Doktoranden aller Fachrichtungen willkommen. Um vorherige Anmeldung über studip bzw. bei Aleksandra Ambrozy () wird aber in jedem Fall gebeten.

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Termin: Di., 29.05., und Do., 07.06., jeweils 14:00 – 18:00

Ort: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Germanistisches Institut, Ludwig-Wucherer-Straße 2, R. 1.10, 06108 Halle/Saale

Kontakt: aleksandra.ambrozy@izea.uni-halle.de