Projekt 1

Edition der Gesammelten Schriften Johann Georg Sulzers

In der zehnbändigen Ausgabe der Gesammelten Schriften (hg. von Hans Adler und Elisabeth Décultot, Schwabe Verlag, Basel) werden neben den Beiträgen, die Johann Georg Sulzer (1720-1779) als Mitglied der philosophischen Klasse der Berliner Akademie publizierte, ästhetische, naturwissenschaftliche, pädagogische und literaturgeschichtliche Schriften sowie unveröffentlichte Korrespondenzen ediert, die die Vielfalt der Wissensbereiche veranschaulichen, mit denen sich Sulzer auseinandersetzte.

Johann Georg Sulzer: Ein Knotenpunkt der intellektuellen Geschichte des 18. Jahrhunderts

Sowohl wissenschaftlich als auch institutionell ist Johann Georg Sulzer (1720-1779) ein Knotenpunkt in der intellektuellen Geschichte des 18. Jahrhunderts. Als Mitglied der philosophischen Klasse der Berliner Akademie ist er vor allem für den gewichtigen Beitrag bekannt, den er als Autor der bis ins 19. Jahrhundert intensiv rezipierten Allgemeinen Theorie der Schönen Künste (1771-1774) zur Kunsttheorie und Ästhetik der Aufklärung geliefert hat. Neben Arbeiten zur Kunst und Kunstanthropologie hat Sulzer aber auch pädagogische Schriften, Reiseberichte, Beiträge zur Literaturkritik, literarische Werke und naturwissenschaftliche Untersuchungen verfasst.

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Johann Georg Sulzer und die Berliner Akademie

In Berlin, wo sich Sulzer nach Zwischenstationen in Zürich, Maschwanden und Magdeburg 1747 dauerhaft niederließ, pflegte er viele Kontakte zu Intellektuellen und Gelehrten. Deren Unterstützung verdankte er nicht zuletzt seine Aufnahme als ordentliches Mitglied in die Akademie. In einem Brief an Maupertuis von August 1747 hatte Friedrich II. die Aufnahme Sulzers als Spezialist für ‚algebraische Gleichungen‘ in die Académie royale des Sciences et Belle-Lettres erwogen. Allerdings wurde Sulzer drei Jahre später nicht als Mathematiker, sondern als Philosoph in die Akademie aufgenommen. Seine Mitgliedschaft in der Klasse für ‚spekulative Philosophie‘ (philosophie spéculative) führte zu einer stärkeren Fokussierung seiner wissenschaftlichen Tätigkeit auf Psychologie, Ästhetik und Moral.
Zunächst als Mitglied und ab 1776 als Direktor der philosophischen Klasse übte Sulzer einen wichtigen Einfluss auf die Akademie aus. Diese Bedeutung lag nicht allein in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, die sich aus der Anzahl der Beiträge zu den Jahrbüchern ermessen lässt, sondern auch in seiner aktiven Teilnahme an den Aufnahmeverfahren und Preisaufgaben der Akademie.

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Kontakte zu Lessing, Nicolai und Gleim

In Berlin trat Sulzer, der enger Vertrauter Johann Jakob Bodmers und – wie dieser – ‚Anti-Gottschedianer‘ war, in Austausch mit Gotthold Ephraim Lessing, Friedrich Nicolai und Moses Mendelssohn. Zeitweilig arbeitete er an Lessings Briefen, die neueste Litteratur betreffend mit. Gemeinsam mit Karl Wilhelm Ramler gab er in den Jahren 1750–51 die Critischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit heraus. Der in der Schlacht von Kunersdorf gefallene Ewald Christian von Kleist und Johann Wilhelm Ludwig Gleim gehörten schon seit den Magdeburger Tagen zu Sulzers engerem Freundeskreis. Neben Gleim war Sulzer einer der frühen Förderer von Anna Louisa Karsch und verfasste die Vorrede zu deren Auserlesenen Gedichten.

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Johann Georg Sulzers Beitrag zur Ästhetik

Johann Georg Sulzer leistete einen entscheidenden Beitrag zur Kunsttheorie des 18. Jahrhunderts, dessen Bedeutung schon auf der Anzahl und dem Ausmaß der Werke beruht, die er diesem Feld widmete. Von den Recherches sur l’origine des sentimens agréables et désagréables (Untersuchung über den Ursprung der angenehmen und unangenehmen Empfindungen, 1751-1752) über die Analyse du génie (Entwicklung des Begriffs vom Genie, 1757) oder De l’énergie dans les ouvrages des beaux-arts (Von der Kraft in den Werken der Schönen Künste, 1765) bis zur Allgemeinen Theorie der schönen Künste (1771-1774) brachte dieser in Berlin etablierte Schweizer ein Korpus von Schriften hervor, das bis in das 19. Jahrhundert hinein als eine zwar zum Teil umstrittene, aber unumgängliche Quelle kunsttheoretischen Denkens betrachtet und gewertet wurde. Zu seinen zeitgenössischen Bewunderern gehörte u. a. Herder, der ihn als einen bahnbrechenden Vertreter der Ästhetik feierte; Friedrich Schlegel erwähnt ihn mehrmals respektvoll, sein Bruder August Wilhelm Schlegel beruft sich auf ihn und noch Gottfried Kellers Grüner Heinrich liest andächtig in der Allgemeinen Theorie der Schönen Künste, einem Buch, das „seinerzeit eine gewaltige Verbreitung gefunden haben [muß], da man es fast in allen alten Bücherschränken findet“. Selbst die äußerst kritische Rezension des Aufsatzes über die „Schönen Künste“, die Goethe 1772 in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen publizierte, lässt sich – trotz ihrer Vehemenz oder vielmehr gerade aufgrund dieser Vehemenz – als Zeugnis für die Bedeutung des angegriffenen Textes interpretieren. Daß Sulzers Hauptwerk – die Allgemeine Theorie der schönen Künste – in Form eines Lexikons verfasst wurde, trug zu einer solch dauerhaften Wirkung wohl nicht unwesentlich bei.

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Das Editionsprojekt: ein Desiderat der Aufklärungsforschung

Angesichts dieser breiten Rezeption bleibt der Zugang zu Sulzers Werken, die sich seit mehreren Jahren eines wachsenden Interesses erfreuen, editorisch recht unbefriedigend. Zurzeit sind seine ästhetischen Schriften entweder in der Originalausgabe des 18. Jahrhunderts zugänglich oder in einer im Verlag Olms publizierten unkommentierten Faksimile-Ausgabe (1974) greifbar. Dass Sulzer in der Nachfolge Christian Wolffs und in Anknüpfung an Baumgartens Arbeiten sehr früh einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung der Ästhetik als Wissenschaft des Empfindens leistete, wird in letzter Zeit von der Forschung zu Recht betont. Das genaue Ausmaß der Sulzer‘schen Arbeit und ihre Bedeutung insbesondere für das Feld der Ästhetik bleibt allerdings noch zu zeigen. Eines der Hauptanliegen des vorliegenden Editionprojektes besteht darin, hierfür die textlichen Grundlagen zu liefern.
Im Zentrum des Editionsprojekts steht die philologisch zuverlässige Präsentation der Schriften Johann Georg Sulzers. Die  zehnbändige Ausgabe soll es dem Leser zum ersten Mal seit dem 18. Jahrhundert ermöglichen, die Bedeutung des vielseitigen Werkes in dessen Gesamtheit zu ermessen. Darüber hinaus gilt es, Sulzers Schriften durch eine detallierte Kommentierung und Kontextualisierung in ihrem historisch-systematischen Profil sichtbar werden zu lassen.
In ihrer Gesamtheit sollen die hier vorgelegten Schriften die Vorraussetzung für eine Rekonstruktion der Entwicklung von Sulzers Denken im Spannungsfeld von Wissens- und Wissenschaftsgeschichte, Erkenntnistheorie, Psychologie, Ästhetik, Philosophie und Pädagogik schaffen.
Nicht zuletzt soll die Edition auch dazu beitragen, überkommene und überholte Ansichten von der Aufklärung als Epochenkennzeichnung zu revidieren, und so die Tradition, die sich auf die Aufklärung beruft, kritisch zu beleuchten. Sulzers Schriften passen in ihrem Umgang mit Widersprüchen und Brüchen in der Wissensordnung der Zeit nicht nahtlos in das weitverbreitete Bild der Aufklärung als einer von einem ‚einseitigen‘ Rationalismus beherrschten Kultur.

Die Bände der Sulzer-Edition im Überblick

1                    Kurzer Begriff aller Wissenschaften (1. u. 2. Aufl.)
2.1/2.2          Schriften zu Psychologie und Ästhetik
3.1-3.4         Allgemeine Theorie der Schönen Künste
4                   Schriften zu Philosophie und Religion
5                   Schriften zu Naturlehre, Naturphilosophie und Naturwissenschaft
6                   Schriften zur Pädagogik
7                   Dichtung und Literaturkritik
8                   Reiseberichte, Schriften zur Geografie
9                   Lebenszeugnisse
10.1/10.2     Briefwechsel Sulzer-Bodmer

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Ordnung des Wissens: Johann Georg Sulzers Kurzer Begriff aller Wissenschaften

Im ersten Band unserer Edition, der im April 2014 erschienen ist, wird Sulzers erste wichtige Publikation präsentiert: der Kurze Begriff aller Wissenschaften und andern Theile der Gelehrsamkeit, der in zahlreichen Auflagen publiziert worden ist. Damit trug Sulzer zum Genre der Kompendien-Literatur bei, also zu der „Sorte Bücher, die Ordnung auf dem hochkomplexen Terrain des Wissens schaffen möchte.“ (Hans Adler in der Einleitung dieses Bandes, S. LXI)
Da sich der Text zwischen der ersten und der zweiten Auflage vollkommen veränderte, wurden hier die erste (Leipzig 1745) und die zweite umgearbeitete und vermehrte Ausgabe (Leipzig 1759) kritisch ediert. Im Laufe der verschiedenen Auflagen dieses Werkes sieht man u.a., wie die neue Wissenschaft der Ästhetik, die 1745 eine noch zweitrangige Rolle spielte, eine zentrale Stelle in Sulzers Panorama der Wissenschaften gewinnt.

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Map of sites in Europe holding Johann Georg Sulzer’s manuscripts: Data, imagery and map information provided by MapQuest
Map of sites in Europe holding Johann Georg Sulzer’s manuscripts: Data, imagery and map information provided by MapQuest

Johann Georg Sulzer im Briefnetzwerk der Aufklärung

Eine zentrale, editorisch jedoch kaum erschlossene Rolle spielte Johann Georg Sulzer im Briefnetzwerk der Aufklärung.  Dabei war er ein reger und bestens vernetzter Briefschreiber. Dementsprechend umfangreich ist sein Briefnachlass. Überliefert sind unter anderem Korrespondenzen mit Johann Jakob Bodmer, Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Christian Fürchtegott Gellert, Jean Henri Samuel Formey, Friedrich Nicolai, Hans Caspar Hirzel, Johann Georg Zimmermann, Martin Künzli, Wilhelmine Keusenhoff und Philipp Erasmus Reich.
Briefe von und an Sulzer befinden sich in verschiedenen europäischen Archiven. Zu den wichtigsten Einrichtungen mit Sulzer-Nachlässen zählen unter anderem die Zentralbibliothek Zürich, das Freie Deutsche Hochstift Frankfurt am Main, die Bibliotéka Jagiéllonska Kraków, die Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek Hannover und das Gleimhaus Halberstadt.
Nur ein kleiner Teil der Korrespondenzen Sulzers ist bislang publiziert worden. Veröffentlichungen liegen vor allem in Briefsammlungen und biographischen Abhandlungen des 18. und 19. Jahrhunderts vor, so etwa in Hirzels Lebensbeschreibung Hirzel an Gleim über Sulzer den Weltweisen (1779) und in den von Wilhelm Körte aus Gleims Nachlass herausgegebenen Briefe[n] der Schweizer Bodmer, Sulzer, Gessner (1804). Körtes Editionspraxis, die zahlreiche Streichungen, Veränderungen, Auslassungen und zuweilen sogar Ergänzungen einschloss, hält freilich heutigen philologischen und editionswissenschaftlichen Standards nicht mehr stand.

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Neue Einblicke: Die Edition des Briefwechsels zwischen Sulzer und Bodmer

Im Rahmen der Edition wird erstmals der Briefwechsel zwischen Johann Georg Sulzer und Johann Jakob Bodmer vollständig nach den Handschriften transkribiert, ediert und kommentiert. Die Korrespondenz, die in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrt wird, zählt zu den umfangreichsten und am vollständigsten überlieferten Briefwechseln Sulzers.
Der über dreißig Jahre währende briefliche Austausch ist nicht zuletzt aus kulturhistorischer und literarturgeschichtlicher Perspektive von Interesse. Der Briefwechsel streift wichtige Stationen im Leben und Wirken Sulzers und Bodmers und gibt darüber hinaus neue Einblicke in das literarische Leben der Zeit. Zudem liefern die Briefe Informationen zur Genese zahlreicher Werke der beiden Briefschreiber, wie z. B. zu Sulzers Allgemeiner Theorie der Schönen Künste.
Über die gedruckte Edition des Briefwechsels zwischen Sulzer und Bodmer hinaus ist die Erstellung eines Registers sämtlicher Briefe von und an Sulzer geplant. Dieses Register wird in elektronischer Form auf der Webseite des Projekts bereitgestellt und sukzessive erweitert.

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Aktuelles

Artikel über die Sulzer-Edition in dem Universitätsmagazin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Dez. 2016)
Die Pressestelle der Universität hat ein Interview (=> Link) mit Prof. Dr. Hans Adler und Prof. Dr. Elisabeth Décultot über die Sulzer-Edition geführt, das in dem online-Magazin der Universität Halle veröffentlicht wurde.

Workshop
Am 30. Juni/1. Juli 2016 fand im IZEA ein Workshop (=>Link) zu der von Johann Georg Sulzer vorgelegten Ästhetik statt.

Bevorstehende Buchveröffentlichungen
Die Bände 2.1 und 2.2, die sich zurzeit in Vorbereitung befinden, werden die philosophischen Schriften zur Ästhetik enthalten, die Sulzer vor allem im Rahmen der Berliner Akademie verfasste. Den Ausgangspunkt bildet Sulzers erster akademischer Beitrag Untersuchung über den Ursprung der angenehmen und unangenehmen Empfindungen (zuerst 1751-1752 auf Französisch), der ihn allmählich zu einer intensiven Reflexion über die Autonomie des Empfindungsvermögens und damit über die „Ästhetik als Wissenschaft des Empfindens“ (Elisabeth Décultot: Kunsttheorie als Theorie des Empfindungsvermögens. Zu Johann Georg Sulzers psychologischen und ästhetischen Studien, in: Kunst und Empfindung. Zur Genealogie einer kunsttheoretischen Fragestellung in Deutschland und Frankreich im 18. Jahrhundert, hg. von E. Décultot und Gerhard Lauer, Heidelberg, 2012, S. 81-101, hier: S. 82) führte.

Parallel dazu ist der Band 10 mit dem Briefwechsel zwischen Johann Georg Sulzer und Johann Jakob Bodmer in Bearbeitung.

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Projektleiter: Prof. Dr. Elisabeth Décultot

Projektbearbeiter: Philipp Kampa M.A.,  Dr. Jana Kittelmann

Laufzeit des Projekts: 1.4.2015 – 31.01.2020

Ansprechpartner:

Philipp Kampa M.A.: philipp.kampa@izea.uni-halle.de

Dr. Jana Kittelmann: jana.kittelmann@izea.uni-halle.de

Telefon: 0345 / 55 21 790