Gastprofessur Denis Thouard (Paris)

Hermeneutik im Zeitalter der Kritik

Blockseminar von Prof. Dr. Denis Thouard (Paris)
Gastprofessor im Sommersemester 2018 auf Einladung der Universität Halle und der Humboldt-Professur

Germanistisches Institut
29. Mai und 7. Juni 2018, 14 -18 Uhr s.t.

Inhalt des Seminars

Die Hermeneutik der Aufklärung wurde lange Zeit vernachlässigt. Seit etwa 20 Jahren aber wächst das Interesse an diesem Gegenstand. Das Seminar ist als allgemeine Einführung konzipiert und will speziell Einblicke in die Hermeneutik der Aufklärung geben. Die Hermeneutik bildet sich als Folge der Reformation aus und ist von daher eng mit Fragen der Bibelauslegung verknüpft. Es haben sich aber auch philologische, logische oder juristische Formen der Hermeneutik entwickelt. Charak­te­ris­tisch für die Aufklärung ist die Formierung einer „allgemeinen“ Hermeneutik.

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Vier Entwicklungsschritte der Hermeneutik

1.
Zunächst wollen wir anhand der Clavis Scripturae Sacrae (1567) des Matthias Flacius Illyricus die Konstituierung der Herme­neutik im Kontext der Reformation untersuchen. Wichtig dafür sind: Claritas Scripturae, der Vorrang des Literalsinns, die Ein­heit des Sinns, Textus interpres sui, der Gegensatz von Gesetz und Evangelium. In dieser ‚orthodoxen‘ Form ist die Herme­neutik der theologischen Dogmatik untergeordnet.

2.
Als philologische Textkritik trug die Hermeneutik zur Historisierung der Überlieferung bei, darunter auch der heiligen Schrift. Bei Hobbes oder Spinoza werden die Prinzipien der konfessionell bestimmten Hermeneutik verallgemeinert und ratio­nalisiert. In diesem Zusammenhang werden wir uns vor allem mit Lockes Interpretation der Paulus-Texte beschäftigen, die für die Rol­le der Hermeneutik in den philosophisch-politischen Debatten der Frühaufklärung grundlegend ist.

3.
Locke und Leibniz haben die Denker der Aufklärung maßgeblich geprägt, vor allem in ihrer Auffassung von der Rolle der Zeichen für die Erkenntnis und Mitteilung. Die Hermeneutik entwickelt sich in diesem Kontext zu einer allgemeinen Er­kennt­nis­lehre. Wir wollen dies u.a. an Texten von Crusius und Meier nachvollziehen, um Einsichten in die Struktur der logischen und semiotischen Hermeneutik zu gewinnen.

4.
Im Zentrum von Herders, Heynes oder Eichhorns theologischer Hermeneutik steht die Geschichtlichkeit der biblischen Überlieferung und ihre mythische Deutung. Die moralische Interpretation dagegen, wie sie für Kant bestimmend ist, recht­fertigt die Schrift ausgehend von ihrer Rationalität. Die Debatte zwischen Kant und der Göttinger Schule verdeutlicht exem­pla­risch den Streit zwischen der apriorischen Logik (de jure) und der historischen Logik (de facto), den wir abschließend in einem Ausblick auf die Bearbeitung dieser Probleme bei Schleiermacher und Boeckh beleuchten wollen. Neben theologischer und logischer Hermeneutik spielte die juristische Hermeneutik eine wichtige Rolle, die im Rahmen eines Workshops am 4. und 5. Juli näher behandelt werden wird.

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Die im Rahmen der beiden Nachmittagssitzungen (29. Mai und 07. Juni) behandelten Quellentexte werden jeweils vorab als Scans über StudIP zur Verfügung gestellt. Ihre Lektüre im Vorfeld des Seminars wird erwartet. Zu den Voraussetzungen einer erfolgreichen Teilnahme am Seminar gehört auch der Besuch des im Rahmen der Gastprofessur in Halle organisierten und the­matisch verwandten Workshops vom 04.-05. Juli.

Teilnehmer:  Das Seminar wendet sich in erster Linie an Studierende der Germanistik, der Philosophie und der Theologie. (Für die Verwendbarkeit  der Module wenden Sie sich bitte an die  Modulverantwortlichen Ihres Instituts.)

Unabhängig von der Modulrelevanz sind interessierte Studenten und (Post-)Doktoranden aller Fachrichtungen willkommen. Um vorherige Anmeldung über StudIP bzw. bei Aleksandra Ambrozy () wird in jedem Fall gebeten.

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Termin: 29.05. und 07.06.2018

Ort: Germanistisches Institut
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Ludwig-Wucherer-Str. 2
Raum 1.10.0
D-06108 Halle/Saale

Uhrzeit: jeweils 14:00–18:00 (s.t.)

Konzept und Organisation: Elisabeth Décultot

Kontakt: aleksandra.ambrozy@izea.uni-halle.de