Projekt 2

Winckelmann. Moderne Antike

Jubiläumsausstellung zum 300. Geburtstag Johann Joachim Winckelmanns
Neues Museum, Weimar
7. April – 2. Juli 2017
Zusammenarbeit mit der Klassik Stiftung Weimar

Kuratoren: Elisabeth Décultot, Martin Dönike, Wolfgang Holler, Claudia Keller, Torsten Valk, Bettina Werche

Pressespiegel

Ausstellungskatalog:

Begründer der modernen Kunstgeschichte und Archäologie, Wegbereiter des deutschen Klassizismus und Virtuose der Kunstbeschreibung – Johann Joachim Winckelmann (1717 – 1768) prägte die europäische Ideen- und Kulturgeschichte wie kaum ein anderer. Im Dezember dieses Jahres wäre der gebürtige Stendaler 300 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass widmen ihm die Humboldt-Professur für neuzeitliche Schriftkultur und europäischen Wissenstransfer der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und die Klassik Stiftung Weimar vom 7. April bis 2. Juli 2017 die weltweit erste große Ausstellung. Im Neuen Museum Weimar rekonstruieren die Veranstalter auf über 1.000 Quadratmetern und mit mehr als 200 Exponaten die wichtigsten Aspekte seines Werdegangs und zeichnen seine bis ins 20. Jahrhundert hinein spürbare Wirkung nach.

In einer lockeren Chronologie widmet sich der erste Teil der Ausstellung der vielschichtigen Genese von Winckelmanns Werk zwischen Tradition und Innovation. Mittels der Stichworte ›Lesen‹, ›Sehen‹ und ›Anfassen‹ werden die anfangs vornehmlich textuellen und dann zunehmend sinnlichen Grundlagen von Winckelmanns Zugang zur Antike in Dresden, Rom und Florenz gezeigt. Der zweite Teil erörtert die Produktivität der von Winckelmann aufgeworfenen Fragen in den künstlerischen, wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Debatten des 19. und 20. Jahrhunderts. Der projektive Charakter, der bereits Winckelmanns Blick auf die Kunst der Antike kennzeichnet, ist auch für den Umgang der Moderne mit Winckelmann und seinen Ideen bestimmend. Anschaulich gemacht wird dies mit Blick auf die drei Themenbereiche ›Ästhetik‹, ›Anthropologie‹ und ›Politik‹, die exemplarisch für die sowohl affirmative als auch kritische Auseinandersetzung mit Winckelmann in der Moderne stehen.

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Extra muros – ein internationaler Klassiker

Sein dreifacher Ruf als Vater der modernen Kunstgeschichte und Archäologie, als Heros der griechischen Schönheit und als Sprachkünstler verlieh Winckelmann rasch den Rang eines ›Klassikers‹ der deutschen Literatur-, Kultur- und Kunstgeschichte. Insbesondere seine Rede von der »edlen Einfalt und stillen Größe« griechisch-antiker Kunst entwickelte sich zur Grundformel der klassischen Ästhetik in Deutschland.

Bei diesem Winckelmann-Bild nationalen Zuschnitts will die Ausstellung »Winckelmann. Moderne Antike« jedoch nicht stehen bleiben. In den Blick genommen wird ausdrücklich auch die internationale Ausrichtung und Ausstrahlung seines Wirkens: Nach langen Jahren in der deutschen Provinz und einer kurzen Zeit in der Residenzstadt Dresden – einem Ort, an dem die Antike bezeichnenderweise kaum präsent, dafür der barocke Überschwang umso prägender war – kam der aus eher einfachen Verhältnissen stammende Schustersohn mit 38 Jahren nach Rom, wo er, von weltgewandten Prälaten unterstützt, zu einem der gefragtesten Romführer avancierte, mit Adligen aus ganz Europa verkehrte und ein breit gefächertes Netz von Korrespondenten aus Italien, Frankreich, England und weiteren Ländern aufbaute. Ohne dieses europäische Netzwerk, von dessen Dimension die Ausstellung ein beeindruckendes Abbild gibt, hätte die internationale Rezeption seines Werks kaum jene Ausmaße erreicht, wie sie sich uns heute darbieten. Tatsächlich ist Winckelmann einer der prominentesten, und vielleicht auch einer der ersten deutschsprachigen Schriftsteller der Moderne überhaupt, die schon zeit ihres Lebens in ganz Europa mit großer Aufmerksamkeit gelesen und rezipiert wurden. Mit ihm verlässt die deutschsprachige Literatur ihre angestammte Heimat und wird zum Exportprodukt.

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Jenseits der Disziplingrenzen

Grenzüberschreitend war seine Wirkungskraft aber noch in einem anderen Sinne: Winckelmann wurde nicht nur fernab der Sprach- und Kultur-, sondern auch fernab der Disziplingrenzen rezipiert, wie sie das 19. Jahrhundert mit zunehmender Intensität und Ausschließlichkeit herausbildete. Auch diese Grenzgänge sollen in der Ausstellung nicht zu kurz kommen. Woher aber diese disziplinübergreifende Anschlussfähigkeit Winckelmanns rührt, erklärt sich aus der spezifischen Natur der Fragen, die Winckelmann von seiner Erstlingsschrift, den Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke (1755), bis hin zu seinem großen Geschichtswerk, der Geschichte der Kunst des Altertums (1764), aufgeworfen hat. Ist Kunst einer Entwicklung überhaupt fähig? Anhand welcher Modelle lässt sich ihre Geschichte schreiben? Sind alle Völker imstande, ›schöne‹ Kunst hervorzubringen? Worin besteht die Spezifität der griechischen Kultur? – Wenn sein Werk eine so vielfältige Wirkung entfalten konnte, dann deshalb, weil es wie kein anderes Antworten auf diese Fragen zu geben versuchte – Fragen, mit denen sich neben der Kunstgeschichte und der Archäologie stricto sensu auch die Anthropologie, die Ethnologie, die Naturgeschichte, die Geschichtswissenschaft und der politische Diskurs konfrontiert sahen. Über eine Reihe von Ausstellungsexponaten werden die vielfältigen Bereiche, mit denen Winckelmanns Kunstdenken verflochten ist und auf die es eingewirkt hat, vor Augen geführt.

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Ambivalente Ästhetik – Ästhetik der Ambivalenz

Nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen ist Winckelmann schließlich auch in einem dritten Sinne: Entgegen der landläufigen Vereinseitigung seiner Position auf das Credo der »edlen Einfalt und stillen Größe« überwindet sein Kunstdenken die Schranken der klassischen Lehre, auf die es – ganz besonders im Zuge der Vorstellungen der Weimarer Klassik, die maßgeblich mit der Kanonisierung eines nach eigenen Bedürfnissen zugeschnittenen  Winckelmann-Bildes zusammenfällt – heute noch oft genug reduziert wird. Bereits früh nach der Publikation seiner Schriften avancierte Winckelmann zum Heros einer Ästhetik, die harmonische Proportionen, Mäßigung des Ausdrucks und Ruhe zum Inbegriff des Schönen erklärte. Hält man dieser Deutungstradition jedoch eine genaue Lektüre seiner Schriften entgegen, so kommen Ansätze zum Vorschein, die sich nicht ohne Weiteres in die Maximen der deutschen Klassik einordnen lassen: Bewegung, Ausdruck, Leidenschaft, Pathos, ja die schiere Leiblichkeit in ihrer Versehrtheit – man denke nur an seine detailversessene Beschreibung der »Muskel« und der »Fleischigkeit« des amputierten Torso vom Belvedere – sind dem Winckelmannschen Begriff des Kunstschönen nicht nur nicht fremd, sondern genau genommen unerläßliche Bestandteile desselben. Ein wichtiges Anliegen der Ausstellung ist es daher, die grundlegende Ambivalenz von Winckelmanns ästhetischen Ansätzen und deren Produktivität für die Arbeit nachfolgender Künstler zu zeigen. Anders als eine lange Tradition es bisher hat sehen wollen, besteht Winckelmanns Originalität nicht in der Formulierung eines straffen Katalogs schlüssiger klassizistischer Lehrmeinungen, sondern in der faszinierenden Kombination von oft widersprüchlichen Denkansätzen, die vielfältige Deutungen möglich gemacht haben und immer noch ermöglichen.

Die Ausstellung wird von einem vielfältigen Vermittlungs- und Vertiefungsangebot flankiert. Eine besondere Bedeutung kommt dem umfangreichen Katalog zu, der der Winckelmann-Forschung über die Ausstellung hinaus als Referenzwerk dienen wird. Neben Themenführungen von Kuratoren wird den Besuchern ein umfassender Audioguide vertiefte Einblicke in die Schau gewähren. Das Rahmenprogramm umfasst Vortragsreihen in Halle und Weimar, eine wissenschaftliche Tagung sowie eine Schülertagung, in der sich Schülerinnen und Schüler mit dem Thema Schönheit auseinandersetzen.

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Ausstellungsdaten

»Winckelmann. Moderne Antike«

Jubiläumsausstellung der Humboldt-Professur für neuzeitliche Schriftkultur und europäischen Wissenstransfer der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Klassik Stiftung Weimar zum 300. Geburtstag Johann Joachim Winckelmanns. Gefördert durch die Kulturstiftung der Länder, die Ernst von Siemens-Kunststiftung und die Alexander von Humboldt-Stiftung.

Vom 7. April bis 2. Juli 2017 | Di, Mi, Fr, Sa, So 10 bis 18 Uhr | Do 12 bis 20 Uhr

Neues Museum Weimar
Weimarplatz 5 | 99423 Weimar

Besucherinformation
Rahmenprogramm

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Zur wissenschaftlichen Vorbereitung und Begleitung des Forschungs- und Ausstellungsprojekts wurden ein Fachbeirat sowie ein Arbeitskreis eingerichtet.

Mitglieder des Fachbeirates:

Prof. Dr. Adolf Heinrich Borbein (Berlin)
Dr. Kordelia Knoll (Dresden, Staatliche Kunstsammlungen)
Prof. Dr. Daniel Fulda (Universität Halle-Wittenberg)
Prof. Dr. Thomas Gaehtgens (Los Angeles, Getty Research Institute)
Prof. Dr. Luca Giuliani (Berlin, Wissenschaftskolleg)
Prof. Dr. Max Kunze (Berlin/Stendal, Winckelmann-Gesellschaft)
Prof. Dr. Stefan Lehmann (Universität Halle-Wittenberg)
Prof. Dr. Ernst Osterkamp (Berlin, Humboldt-Universität)
Prof. Dr. Helmut Pfotenhauer (Würzburg)
Prof. Dr. Steffi Roettgen (München)
Prof. Dr. Sabine Schneider (Universität Zürich)
Dr. Wolfgang von Wangenheim (Berlin)

Mitglieder des Arbeitskreises:

Dr. Martin Disselkamp (Berlin, BBAW)
Dr. Astrid Fendt (München, Glyptothek)
Prof. Dr. Christoph Frank (Mendrisio, Universitá della Svizzera)
Dr. Daniel Graepler (Universität Göttingen)
Dr. Christiane Holm (Universität Halle-Wittenberg)
Dr. Charlotte Kurbjuhn (Berlin, Humboldt-Universität)
Dr. Johannes Rössler (Universität Bern)
Dr. Alexander Rosenbaum (Weimar, Klassik Stiftung)
Dr. Christoph Schmälzle (Berlin, Freie Universität)
Dr. Esther Sophia Sünderhauf (München, Stadtmuseum)
Dr. Bettina Werche (Weimar, Klassik Stiftung)

Ausblick: Folgeprojekt zur Ausstellung

Die Ausstellung »Winckelmann. Moderne Antike« bildet den Auftakt zu einem Projekt – thematisch breiter aufgestellt unter dem Titel Aufklärung, Klassizismus und Klassik –, das im Rahmen der Humboldt-Professur u. a. auch von den Kuratoren der Ausstellung mit jeweils eigenen Forschungsfragen weiterbetrieben wird. Wenn bereits im Zusammenhang der Schau die unterschiedlichen, mitunter widersprüchlichen Vorstellungen des Klassischen in Anlehnung oder Kritik an Winckelmann thematisch wurden, so setzt sich das Folgeprojekt zum Ziel, die Epochenbegriffe Aufklärung, Klassizismus und Klassik als historische Konstruktionen zu untersuchen und dabei nach ihrer Bedeutung für das retrospektive Verständnis des langen 18. Jahrhunderts zu fragen. Bei der Rekonstruktion der begriffs- und wissenschaftsgeschichtlichen Kontexte sollen insbesondere die international divergierenden Begriffstraditionen sowie die historischen Ungleichzeitigkeiten in Europa berücksichtigt werden.

Projektleiter: Prof Dr. Elisabeth Décultot
Projektbearbeiter: Dr. Martin Dönike; Dr. des. Claudia Keller; Denis Stante M.A.
Laufzeit des Projekts: 01.02.2015 – 31.01.2020

Ansprechpartner: Prof. Dr. Elisabeth Décultot
E-Mail: elisabeth.decultot@germanistik.uni-halle.de
Telefon: +49 (0)345 55 21786 / +49 (0)345 55 23577